BISPENOL A UND SEINE FOLGEN
plastic planet merkblatt„Es gibt zwar wichtige Unterschiede zwischen Menschen und Nagetieren, aber BPA hatte bisher bei jeder Art von Tieren – seien es Säugetiere, Fische oder Amphibien – ähnlich schädliche Effekte.” Scott Belcher, Zellbiologe & Pharmakologe

Bisphenol A ist eine der wichtigsten und meistproduzierten Chemikalien der Welt. Drei Millionen Tonnen werden davon jährlich produziert mit einem Umsatz in Milliardenhöhe. Als Grundstoff zur Herstellung von Polykarbonat-Kunststoffen und Kunstharzen ist BPA allgegenwärtig: es steckt in Autoteilen, Baustoffen, CDs, Zahnfüllungen, Lebensmittelverpackungen und Babyfläschchen. Aber es entweicht auch in die Umwelt, gelangt etwa ins Grundwasser oder in den Hausstaub. Seit Jahrzehnten ist die hormonelle Wirkung von Bisphenol A bekannt – weniger bekannt ist bisher aber die gesundheitsschädigende Wirkung, die bereits ganz geringe Dosen der Chemikalie verursachen können. Seit 1995 finden vom Saals Untersuchungen Hinweise darauf, dass BPA bereits in minimalen Dosen die Spermienproduktion verringert, die Entwicklung des Gehirns beeinflusst, das Gewicht der Prostata erhöht oder Veränderungen des Erbguts bewirkt, deren Auswirkungen sich erst nach Generationen zeigen. Eben weil BPA sich wie ein Hormon im Körper verhält. Diese endokrinologische Realität widerspricht einem der ältesten Grundsätze toxikologischer Forschungen, der seit dem 16. Jahrhundert unbestritten ist: Die Dosis macht das Gift, also je mehr desto schlechter für den Körper. Fred vom Saal stellt in seinen Studien eindrucksvoll unter Beweis, dass Paracelsus’ Theorie hier nicht anwendbar ist, BPA wirkt stärker in geringer Menge, weil es vom Körper im Gegensatz zu stärkeren Dosen dann eben nicht als Schadstoff erkannt wird, und spaltet damit die Wissenschaft.

Durch reinen Zufall stieß die Molekularbiologin und Genforscherin Patricia Hunt 1998 ebenfalls auf die Gefahren der weit verbreiteten Industriechemikalie BPA. Forscher der Case Western University hatten Plastikkäfige und Plastikwasserflaschen von Labormäusen mit einem scharfen Reinigungsmittel behandelt. Plötzlich kam es zu einem sprunghaften und unerklärlichen Anstieg von gravierenden Erbgutstörungen bei den Mäusen. Diesen Anstieg konnte Patricia Hunt zeitlich schließlich mit der Anschaffung neuer Käfige zusammenbringen. Die Käfige und die darauf montierten Wasserflaschen enthielten Polycarbonat, das bei Beschädigung – z.B. wenn Mäuse daran knabbern oder aggressive Reinigungsmittel eingesetzt werden – Bisphenol A freisetzte. BPA konnte durch Patricia Hunt eindeutig als der Stoff identifiziert werden, der diese Chromosomfehlverteilungen auslöste. Weitere Tests des Forscherteams ergaben, dass Chromosomenschäden an Mäuseweibchen über Generationen hinweg wirken. Bisphenol A könnte in gleicher Weise auch die Entwicklung menschlicher Eizellen stören, befürchtet die Forscherin. Die von ihr beobachteten Chromosomendefekte spielen bei Fehlgeburten eine Rolle, Extrachromosomen sind etwa die Ursache von genetisch bedingten Krankheiten wie dem Down-Syndrom.

Das Ergebnis der Analysen von Abwässern durch den Hormonspezialisten Peter Frigo zeigt die Prävalenz von Xenoestrogenen in der Umwelt, was nach Meinung des Experten einerseits auf aktuelle Verhütungsmethoden (Pille), andererseits auf Industriechemikalien wie DDT, Bisphenol A und Phthalate zurückzuführen ist. Frigo sieht darin eine mögliche Ursache für abnehmende Fruchtbarkeitsraten und die Zunahme von hormonabhängigen Tumoren.
Bestätigt werden die Gefahren von Bisphenol A auch durch die Untersuchungen des Zellbiophysikers und Pharmakologen Scott Belcher. In Belchers Tierversuchen entfaltete Bisphenol A wenige Minuten nach Verabreichung eine verheerende Wirkung: Sie stoppte den Signalweg des weiblichen Sexualhormons Östrogen und damit die natürliche Entwicklung der Gehirnzellen – unabhängig vom Geschlecht der Tiere. Belcher warnt davor, dass BPA insbesondere in jenen winzigen Mengen, denen der Mensch im Alltag ausgesetzt ist, extreme Wirkung zeigt. Je niedriger die Konzentration der Substanz, desto höher war in Belchers Versuchen die schädigende Wirkung auf das Hirngewebe. Der neurotoxische Effekt, den BPA auf das hormonelle System ausübt, dürfte weitaus größer sein als bislang angenommen. Um welche Größenordnungen es sich handelt, verdeutlich ein Vergleich: die von Belcher ausgemachte toxische Dosis entspricht in etwa der Menge eines Fünftel Würfelzuckers, der in einem Stausee mit 2,7 Milliarden Litern Wasser aufgelöst ist. Chemisch ausgedrückt sind das etwa 0,23 Teile pro Trillion (ppt) oder 0,23 Nanogramm Bisphenol A pro Kilogramm Trägermaterial.